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Allein, gemeinsam...

Im Zeitalter der sozialen Netzwerke scheint es nicht im Trend zu liegen, sich Zeit zu nehmen. Immerhin veröffentlichten 2018 die Nutzer des Foto-Onlinedienstes Instagram – Facebook-Tochter und 100 Milliarden US-Dollar wert – pro Minute fast 50.000 Bilder. Bei Twitter waren es jede Minute etwa 470.000 Tweets, die auf der Plattform gepostet wurden. Sogar die beruflichen Netzwerke warten mit schwindelerregenden Zahlen auf: Bei LinkedIn (Microsoft) etwa sind es mehr als 120 Personen, die der Plattform jede Minute beitreten.

Der Boom dieser Plattformen hält uns einen Spiegel vor und lässt uns darüber nachdenken, wie wir in der Gemeinschaft leben. Denn hinter diesen Zahlen, deren exponentielles Wachstum Ausdruck einer zunehmend vernetzten Weltbevölkerung ist, verbirgt sich eine andere Realität.

In „The Rise of Living Alone and Loneliness in History[1] beschäftigt sich K. D. M. Snell, Forscher und Professor an der britischen Universität Leicester, mit der Frage der Einsamkeit früher und heute. Während in den 60er-Jahren die Haushalte mit nur einer Person noch die Ausnahme bildeten (10 % der Bevölkerung), leben  in den Großstädten Europas, der USA oder auch Japans inzwischen 40 % der Bevölkerung alleine. Die zunehmende Urbanisierung und die hohen Immobilienpreise sind teilweise dafür verantwortlich, dass die Anzahl der Mitglieder pro Haushalts zurückgeht. So ist beispielsweise in Paris die Zahl der Kinder, die einen Kindergarten besuchen, in den letzten 20 Jahren um 10 % gesunken[2].

Diese Einsamkeit nimmt noch zu, wenn man bedenkt, dass in den USA mit Millionen von Nutzern von sozialen Netzwerken die Zahl der Personen, die als „nahestehend“ oder „eng verbunden“ gekennzeichnet werden (Vertrauenspersonen), bereits mittlerweile um mehr als ein Drittel gesunken ist.

Die Auswirkungen dieses Phänomens könnten sich langfristig noch verschärfen. Nehmen wir das Wachstum einer Wirtschaft, das sich anhand von drei Faktoren modellieren und erklären lässt: das Sachkapital, das Humankapital und die Produktivität. Unabhängig davon, ob der Effekt dieser zunehmenden Vereinsamung Ursache oder Spiegelbild des Geburtenrückgangs, der höheren Scheidungsraten oder des Rückgangs der Eheschließungen ist, kann man ohne Weiteres davon ausgehen, dass dies Einfluss auf das globale Wirtschaftswachstum haben wird. Es hierbei einfach zu belassen, würde allerdings zu kurz greifen. Betrachten wir also Länder wie Japan, wo von 75 Millionen Erwerbstätigen bis 2050 ein Drittel in Rente gehen wird, und das deshalb schon massiv in Sachkapital und Produktivität investiert. Um das Arbeitskräftedefizit zu beheben, setzt man hier auf technische Lösungen in Form von Robotern, die bereits über künstliche Intelligenz verfügen. So hat der japanische Präzisionsmotoren-Hersteller Nidec in seinen Prognosen eine Verringerung der Belegschaft von 80.000 auf annähernd 48.000 Mitarbeiter angekündigt, um rechtzeitig auf den rentenbedingten Schwund an Arbeitskräften reagieren zu können und gleichzeitig die Produktionskapazität zu steigern.

Unsere entwickelten Volkswirtschaften folgen langsam dem von Japan oder gar China vorgezeichneten Weg. Die damit verbundenen fundamentalen Veränderungen haben erhebliche Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, unsere Lebensweise und die Gesellschaften, die sich in dieser neuen Umgebung entwickeln werden.

Wir sollten diesen Entwicklungen gegenüber konstruktiv und positiv eingestellt bleiben und dabei folgende Fragen berücksichtigen:

– Welche Bedürfnisse hat die Generation der „Silver Ager“, die bis 2050 zwei Milliarden Verbraucher repräsentieren wird?

– Wie können wir einem Mangel an Arbeitskräften begegnen?

– Welche Auswirkungen auf den Preis und die Nutzung von Immobilien (Home-office, Co-working, Mobilität, Wohnungsgrößen etc.) sind zu erwarten?

 

Lassen Sie uns im Zeitalter der Hypervernetzung vorerst weiter an unseren alten Maßstäben und Gewohnheiten festhalten. Denn es gibt nichts Besseres, als unsere Überlegungen zur Welt von morgen zu teilen.

 

 

 

[1] Die zunehmende Bedeutung von Alleinleben und Einsamkeit in der Geschichte
[2] Le Monde, 28.08.2018