Olivier de Berranger

Makroökonomie

Der eingebildete Kranke

Von Olivier de Berranger, Chief Investment Officer, Clément Inbona, Fund Manager La Financière de L‘Echiquier.

Die am letzten Mittwoch für das dritte Quartal in den USA veröffentlichten BIP-Daten zeigen ein weiterhin solides Wachstum von annualisiert +1,9 %. Dies sind Zahlen, die deutlich über dem Konsens liegen, der ein Wachstum von +1,6 % und somit eine starke Verlangsamung gegenüber den +2 % im Vorquartal erwartet hatte. Der Konsum, der Motor der US-Wirtschaft, bleibt weiterhin kraftvoll. Die Staatsausgaben stützen das Wachstum auf Kosten eines hohen Defizits. Überdies belastet das besorgniserregende Kräftemessen im Handelskonflikt zwischen Peking und Washington das Vertrauen der Unternehmen: Diese fahren ihre Investitionsprogramme zurück, weil es im internationalen Handel, der unter dem diplomatischen Schlingerkurs leidet, an Transparenz fehlt. In der Summe zeichnen diese Komponenten des BIP das Bild eines Patienten bei guter Gesundheit, der jedoch Stimmungsschwankungen aufweist.

Gleich nach dieser Veröffentlichung gab die Fed die Ergebnisse ihrer Oktober-Sitzung bekannt.

Nach der dritten Leitzinssenkung um 0,25 % in nur drei Monaten nehmen die US-Währungshüter in Anbetracht der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen eine abwartende Haltung ein. Ohne Impulse von außen wird die Reihe der gerade vorgenommenen Zinssenkungen nur eine „Phase“ in der Zyklusmitte und nicht einen „Zyklus“ von Zinssenkungen zur Bekämpfung einer Rezession darstellen. Die Fed übernimmt demnach wieder die Kontrolle über die Märkte und über Donald Trump, ihre Laus im Pelz, dessen Erwartungen hinsichtlich einer deutlich lockereren Geldpolitik für die kommenden Monate unrealistisch erscheinen.

Bei genauerer Betrachtung bleibt nur die Feststellung, dass die Fed ihr dreigeteiltes Mandat in jeder Hinsicht erfüllt und sie vorerst wenige Gründe hat, noch mehr zu unternehmen. Ihr erstes Ziel besteht darin, auf Vollbeschäftigung hinzuwirken. Das Ziel scheint erreicht, denn die Arbeitslosenquote von 3,5 % der Erwerbsbevölkerung kann kaum noch unterschritten werden. Das zweite Ziel ist die Erreichung einer Preisstabilität rund um den Inflationszielwert von 2 %. Auch dieses Ziel ist erreicht, denn die Inflationsstatistiken weisen in diese Richtung. Das dritte Ziel lautet, die langfristigen Zinssätze auf einem moderaten Niveau zu halten. Bei einem 10-jährigen Zinssatz von fast 1,8 % und einer Inflation von rund 2 % liegt der langfristige reale Zinssatz quasi bei null oder ist sogar negativ. Dies gewährleistet für die Wirtschaftsakteure lockere finanzielle Bedingungen.

Beim Blick auf die Erwartungen des Marktes hinsichtlich des Zinspfades der Fed stellt man jedoch mit Verwunderung fest, dass bereits für kommenden März mit einer weiteren Zinssenkung gerechnet wird. Dies widerspricht den von der Zentralbank vermittelten Signalen, die mit ihrem „wait and see“ eigentlich eine abwartende Haltung eingenommen hat. „Warum weitere Medikamente verabreichen, wenn es keine sichtbaren Symptome gibt?“, muss sich Doktor Powell hier fragen. Vielleicht, weil der Patient ein Hypochonder ist?