Olivier de Berranger

Makroökonomie: 07. April-Ausgabe

US-Arbeitsmarkt: Trotz kräftiger Erholung – Vollbeschäftigung noch in weiter Ferne

Mehr denn je steht die Verfassung des Arbeitsmarktes als wichtiger Faktor für die Konjunkturaussichten in den USA seit einigen Monaten im Zentrum der Aufmerksamkeit. Denn der Arbeitsmarkt fällt mittlerweile offiziell unter das Mandat der US-Notenbank. Fed-Chef Jerome Powell hat seitdem mehrfach bekräftigt, dass die Zentralbank eine akkommodierende Geldpolitik beibehalten werde, solange der US-Arbeitsmarkt keine Anzeichen einer spürbaren Besserung zeigt. Kürzlich äußerte er sogar, das Ziel der Fed sei nichts Geringeres als die Vollbeschäftigung. Somit kommt dem am 2. April veröffentlichten Bericht über die Beschäftigungslage in den USA eine hohe Bedeutung zu.

 

Powell vs. Yellen: Uneinigkeit bei Normalisierung der US-Beschäftigung

Dies ist umso mehr der Fall angesichts der gemeinsamen Rede des Fed-Chefs und seiner Vorgängerin und heutigen US-Finanzministerin Janet Yellen vom 23. März, bei der eine gewisse Uneinigkeit in Bezug auf den zeitlichen Ablauf für die Normalisierung der US-Beschäftigung deutlich wurde. Während Jerome Powell und mehrere Mitglieder der Fed unaufhörlich darauf hinwiesen, dass dies Zeit benötige, hatte Yellen verkündet, dass die USA bereits im kommenden Jahr die Vollbeschäftigung erreichen könnten. Das erklärt die Zurückhaltung der Märkte, die jeden Aspekt, der auf eine künftige Straffung der Geldpolitik hindeuten könnte, sehr genau beobachten.

Auf den ersten Blick scheinen die Anfang April vom Bureau of Labor Statistics (BLS) gemeldeten Zahlen Yellen Recht zu geben. Mit 916.000 neu geschaffenen Stellen wurden die ohnehin sehr hohen Erwartungen (660.000) deutlich übertroffen. Hinzu kommen weitere rund 90.000 Stellen, die sich aus den korrigierten Zahlen des Vormonats ergeben. Klammert man die Monate Mai bis August 2020 aus, in denen die US-Wirtschaft wieder geöffnet wurde, handelt es sich um den stärksten monatlichen Stellenzuwachs seit 1983. Die Arbeitslosenquote ging somit von 6,2 % im Februar auf 6,0 % zurück. Unbestreitbar erholt sich die Lage am US-Arbeitsmarkt weiterhin mit hohem Tempo. Doch reicht das aus, damit sich die Vorhersage von Janet Yellen erfüllt? Vermutlich nicht.

 

Vollbeschäftigung noch in weiter Ferne

Um diese extrem hohe Zahl an neu geschaffenen Stellen richtig einzuordnen, ist die Erwerbsquote zu betrachten – sprich der Anteil der Erwerbstätigen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Diese legte im Monatsvergleich nur moderat zu (+0,1 %) und liegt mit 61,5 % weiterhin deutlich unter ihrem Vorkrisenniveau (63,4 %). Das bedeutet, dass die fünf Millionen US-Arbeitnehmer, die während der Krise im letzten Jahr aus der Erwerbsbevölkerung ausgeschieden sind, noch immer nicht massiv in den Arbeitsmarkt zurückkehren. Jerome Powell betrachtet dies aufmerksam und ist der Auffassung, dass diese Arbeitnehmer zur Gesamtzahl der Arbeitslosen hinzugezählt werden müssen, um einen realistischen Überblick über die Folgen der Krise zu erhalten. Eine entsprechende Analyse ergibt, dass die US-Arbeitslosenquote weiterhin deutlich über 8 % liegt. Dies ist noch weit entfernt von einer Quote unter 5 %, die notwendig wäre, um von einer „Vollbeschäftigung“ sprechen zu können.

 

Unentschieden zwischen Powell und Yellen

Darüber hinaus gehören zusätzliche Kennzahlen zu Powells Steuerungsinstrument für die Beschäftigung, etwa die Erwerbsquote von Highschool-Absolventen ohne höheren Bildungsabschluss oder die Arbeitslosenquote der afroamerikanischen Bevölkerung. Diese weisen im Vergleich zu den Zahlen der Gesamtbevölkerung keine deutliche Beschleunigung auf. Es steht sozusagen Unentschieden zwischen Janet Yellen und Jerome Powell. Genauer gesagt: Diese Zahlen sind kein wirklicher Indikator für ein erhöhtes Risiko, dass die Fed ihre geldpolitische Unterstützung früher als erwartet reduzieren könnte. Stattdessen deuten sie auf eine weiterhin kräftige Konjunkturerholung, einen Aufwärtsdruck auf die Zinssätze und eine Outperformance von Wachstums- sowie Value-Werten hin, welche stets am sensibelsten auf den Konjunkturzyklus reagieren.