Marc Craquelin

Die Welt in Bewegung

Das leichte Unwohlsein, das Janet Yellen bei ihrer Rede am 24. September befiel, sorgte für Turbulenzen in der Finanzwelt. Was war davon zu halten? Handelte es sich um eine Somatisierung in Verbindung mit der Unsicherheit in Bezug auf das weltweite Wachstum? Um eine körperliche Schwäche in Verbindung mit dem unlösbaren und endlosen Kopfzerbrechen über die Zinserhöhung?

Auch wenn sich im Bereich der Finanzen oftmals der Schmetterlingseffekt bewahrheitet (ein Unwohlsein, das für Zweifel an den Märkten sorgt, das die FED zweifeln lässt, das Zweifel ….), vergessen wir einen Moment Janet Yellen und ihre wankende Gesundheit und nehmen wir etwas Abstand. Schalten wir die Bildschirme aus und schauen wir uns die Welt von oben an: Während die FED auf Zeit setzt, dreht sich die Welt beständig weiter.

Aber „Wer geht wohin?“ Mit Blick auf Europa führt diese Frage unweigerlich zum Nachdenken über die Flüchtlinge, die unter schrecklichen Umständen und Bedingungen zuströmen. In Deutschland ist die Auswirkung auf die Bevölkerung bereits jetzt sehr deutlich. Die Demografen korrigieren ihre Prognosen und der Rückgang der deutschen Bevölkerung, der gestern noch unausweichlich schien, ist heute eine Wahrheit, die schon nicht mehr zutrifft. Stellen Sie sich vor: Vor nicht einmal fünf Jahren prognostizierten die optimistischsten Demografen für das Jahr 2030 77 Mio. Einwohner gegenüber den heutigen 80 Mio. Dieser Rückgang ist nunmehr gebremst, die deutsche Bevölkerung wird erneut wachsen. Zudem werden die Erwartungen in Bezug auf Neubauten bereits deutlich korrigiert. Das Unmögliche wird vor unseren Augen wahr.

„Wer geht wohin?“ Wird dieselbe Frage in Indien gestellt, führt sie zu einer ganz anderen Antwort, da Indien ein Land ist, das Mühe hat, seine Elite zurückzuhalten. Derzeit leben 14 Mio. Inder außerhalb von Indien und nicht unbedingt die Dümmsten! Von 2000 bis 2010 reichten die Inder, die in die USA auswanderten, 3.000 Patentanträge ein, mehr als jede andere ausländische Gemeinschaft des Landes.

Wenn Sie Chinese sind, dann beginnt diese Mobilität gerade erst: Nur 3 % der Bevölkerung verfügen über einen gültigen Reisepass. Aber diese 3 % haben Gewicht, denn 35 % des weltweiten Tourismuswachstums stammen aus China. Eine gute Gelegenheit, sich daran zu erinnern, dass nicht die gesamte Wirtschaft in China zum Stillstand gekommen ist.

Und wenn Sie schließlich in Palo Alto (1) leben, scheint die Frage „Wer geht wohin?“ gegenstandslos zu sein: Weder Elon Musk, der Gründer von TESLA, noch Sergueï Brink, Mitgründer von GOOGLE, wurden auf amerikanischem Boden geboren. 45 % der Bewohner von Palo Alto wurden nicht dort geboren. Die Mobilität ist die Norm, seit langem schon.

Die Welt bewegt sich also, und zwar immer schneller! Goldman Sachs kommt in einer kürzlich durchgeführten Studie(2) zu dem Schluss, dass die Einwanderer heute 3,2 % der gesamten Bevölkerung ausmachen, gegenüber 2,8 % im letzten Jahrzehnt. Genauer gesagt 3,2 % der Weltbevölkerung, das entspricht in etwa dem Vierfachen der russischen Bevölkerung. Über diese reine demografische Dimension hinaus wirkt sich diese Beschleunigung in vielfacher Hinsicht auf die Marktwirtschaft aus. Schon heute müssen wir auf die Wünsche des chinesischen Touristen von morgen reagieren, Geldtransfers zu Schwellenländern erleichtern, Neuankömmlinge in Deutschland und Europa unterbringen… Es gilt auch, die Unternehmen herauszufiltern, die von diesen Trends profitieren werden, und über die Auswirkungen der Menschenströme nachzudenken: viele Themen, mit den wir uns beschäftigten sollten.

Die Zinssätze ändern oder nicht? Janet Yellen zaudert und ihr Zaudern wird die Märkte in den kommenden Wochen belasten. Aber die Welt bewegt sich, und diese Grundtendenz wird die Märkte von morgen wesentlich stärker prägen.

Marc Craquelin

 

(1) Das „Mekka“ der amerikanischen Unternehmen im Bereich der technologischen Innovation.

(2) Fortnightly thoughts: „Where is everybody going“.