Olivier de Berranger

Citius, altius, fortius?*

Der Sommer geht zu Ende und es wird deutlich, dass die Delta-Variante und der Anstieg der Infektionszahlen den Aufwärtstrend an den Börsen nicht gestoppt haben.

Im Juli und August legten die europäischen Aktienmärkte um 4 %1 und die US-Märkte um mehr als 5 %2 zu. Der Nasdaq und die darin enthaltenen Technologiewerte stiegen sogar um 7 %3. Zwar lässt sich dieser Kursanstieg weiterhin vor allem durch die beispiellosen geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen erklären. Doch auch die Unternehmensergebnisse für das zweite Quartal waren ein wesentlicher Faktor.

Die Umsätze und Gewinne von zwei Dritteln der Unternehmen in Europa lagen über den Erwartungen. Letztere sind seit Jahresbeginn zudem kontinuierlich nach oben korrigiert worden. So sind die Konsenserwartungen der Analysten für die Quartalsergebnisse seit Januar schrittweise um 50 % angehoben worden, was ungewöhnlich ist. Die Quartalsergebnisse der Unternehmen im Stoxx 600 erhöhten sich gegenüber dem sehr schwachen Vorjahresquartal sogar um fast 190 %. Im Vergleich zum zweiten Quartal 2019 ist das jedoch „nur“ ein Plus von 8 %. Dass die Erwartungen übertroffen werden, ist nach wie vor ein wichtiger Treiber für die Aktienmärkte.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in den USA, wo die Ergebnisse der Unternehmen im S&P 500 um über 90 % in die Höhe schnellten. Die Ergebnisse dieser Unternehmen kletterten im zweiten Quartal um 27 % im Vergleich zum zweiten Quartal 2019. Der techlastige US-Index – mit den darin enthaltenen GAFAM-Unternehmen, die 2020 von der Krise verschont blieben – liegt weltweit nach wie vor vorne, was die Steigerung der Profitabilität betrifft. Zur Erinnerung: Die Gewinne sind seit 2007 um das 2,5-Fache gestiegen, während dieses Niveau in Europa in diesem Jahr endlich wieder erreicht werden dürfte.

Angesichts der anspruchsvollen Bewertungen werden selbstverständlich auch die Ergebnisveröffentlichungen in der zweiten Jahreshälfte entscheidend für die Entwicklung an den Märkten sein. Das Wachstumstempo vom zweiten Quartal wird nicht aufrechterhalten werden können, und bei Enttäuschungen dürfte es zu starken Rücksetzern kommen.

In einer Zeit, in der die US-Notenbank über einen teilweisen und schrittweisen Ausstieg aus ihrer unkonventionellen Geldpolitik nachdenkt, kam das Wort „Inflation“ in den Erklärungen fast aller Unternehmenschefs auf den Ergebniskonferenzen vor. Es fiel so oft wie noch nie zuvor in der Geschichte4. Hinzu kommen Sorgen wegen der Lieferketten und des Fachkräftemangels.

Auch in der zweiten Jahreshälfte wird es daher wichtig sein, das Wachstum der Gewinne richtig zu prognostizieren. Unternehmen bieten angesichts ihrer Fähigkeit zur Preisanpassung im Gegensatz zu Staatsanleihen einen guten Schutz gegen die Inflation, deren Anstieg vorübergehender Natur zu sein scheint.

Nachdem sich die Bewegungen an den Märkten stark nach Indizes, Sektoren und Anlagestilen richteten, wird jedes Unternehmen nun seine Bewertung durch seine Ergebnisse rechtfertigen müssen. Eine gute Titelauswahl wird wie so oft das beste Mittel sein, um sich in einem angesichts der Wirtschafts- und Gesundheitssituation aller Voraussicht nach volatilen Umfeld zu schützen.

 

1 Schneller, höher, stärker
2 Stoxx 600
3 S&P 500
4 Nasdaq 100
5 BofA Global Research, Earnings Tracker, 8.08.2021