David Ross

Das System hinter der US-Präsidentschaftswahl

Die Vereinigten Staaten von Amerika definieren sich durch ein zentrales Konzept: Das Land ist vor allem ein Staatenbund. Die Bundesstaaten kommen zuerst, an zweiter Stelle das Land. Bei der Wahl des US-Präsidenten handelt es sich in Wirklichkeit nicht um eine landesweite Wahl, sondern um 50 getrennte, am selben Tag abgehaltene Wahlen. Bei insgesamt 538 Stimmen, hinter denen die 538 Wahlmänner stehen (die das Wahlmännerkollegium bilden), benötigt ein Bewerber um das Präsidentenamt für den Sieg 270 Stimmen. Abgesehen von zwei kleinen Ausnahmen kann jede Wahl in einem Bundesstaat alles auf den Kopf stellen.

Wenn ein Bewerber für das Weiße Haus einen Staat gewinnt, fallen ihm die Stimmen dieses Staates zu. Die Gesamtzahl der Stimmen eines Staates entspricht der Anzahl seiner Repräsentanten im Kongress – jeder Staat hat mindestens einen –, die abhängig von seiner Bevölkerung verteilt sind. Hinzu kommen zwei Senatoren pro Staat. Die Gesamtzahl der Sitze im Repräsentantenhaus beträgt 435. Dies entspricht ungefähr einem Repräsentanten pro 700.000 Einwohner. Nach der alle zehn Jahre stattfindenden Volkszählung kommt es zu einer Neuverteilung. Die letzte Volkszählung ergab für Kalifornien beispielsweise 37,2 Millionen Einwohner. Der Staat hat 53 Repräsentanten, was einem Repräsentanten pro 702.000 Einwohner entspricht. Michigan mit seinen 9,8 Millionen Einwohnern hat 14 Repräsentanten, also einer pro 706.000 Einwohner.

Der Großteil der Stimmen ist im Allgemeinen repräsentativ für die Größe des Staates. Unabhängig von der Größe des Staates verleiht das Zuteilungsverfahren für die Senatoren den kleinen, ländlichen Staaten jedoch einen größeren Einfluss bei den Wahlen. Kalifornien (53 Repräsentanten und zwei Senatoren) hat insgesamt 55 Stimmen. Dies entspricht einer Stimme pro 676.000 Einwohner. Zum Vergleich: Der kleine, ländliche Staat Wyoming mit seinen 563.000 Einwohnern erhält drei, also eine pro 187.000 Menschen. Daher sind die kleinen Staaten beim Urnengang überrepräsentiert.

Die 15 kleinsten Staaten sind Wyoming, Vermont, Alaska, North Dakota, South Dakota, Delaware, Rhode Island, Montana, Maine, New Hampshire, Hawaii, West Virginia, Idaho, Nebraska und New Mexico. Diese 15 vereinen mehr Stimmen (56) auf sich als Kalifornien (55), während ihre Bevölkerung insgesamt lediglich halb so groß ist wie jene Kaliforniens.

Ein Kandidat kann demnach Kalifornien mit 10 Millionen Stimmen gewinnen. Wenn jedoch sein Gegner in diesen kleinen Staaten eine Mehrheit von lediglich 15 Stimmen erzielt, indem er mit einer Stimme Vorsprung in jedem Staat gewinnt, erhält er mehr Wahlmännerstimmen. Daher ist es möglich, dass der gewählte Präsident landesweit weniger Stimmen erhalten hat als sein Gegner.

Die meisten kleineren Staaten liegen im Süden und Mittleren Westen und werden traditionell von den Republikanern gehalten. Das republikanische Lager hat demnach große Vorteile durch das Wahlmännersystem. Aus diesem Grund waren die beiden letzten Präsidenten, die ohne Mehrheit der landesweiten Stimmen gewählt wurden – George Bush 2000 und Donald Trump 2016 – beide Republikaner.

 

Warum dieses System?

Die Antwort hängt mit der Gründung des Landes zusammen. Als 1787 die Verfassung ausgearbeitet wurde, bestand das noch junge Land aus einer Handvoll Staaten (13), die entlang der Küste verteilt lagen, und die Mehrheit der Bevölkerung konzentrierte sich in wenigen Städten (vor allem Boston, New York und Philadelphia). Die Gründer sahen eine rasche Ausdehnung des Landes nach Westen voraus. Der Grundsatz von einer Stimme pro Person hätte bedeutet, dass die Einwohner der Küstenstädte weiterhin die Geschehnisse im Land hätten diktieren können. Das amerikanische Wahlsystem sollte also Regierungsgewalt in die neu erschlossenen ländlichen Bereiche verlagern und verhindern, dass die in den Städten geballte Bevölkerung die Regierungspolitik dominiert