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Makroökonomie

Wo könnte es Überraschungen geben?

 

Von Olivier de Berranger, Chief Investment Officer, Enguerrand Artaz, Cross Asset Manager, Rolando Grandi, Fund Manager La Financière de L‘Echiquier.

 

Der robuste US-Arbeitsmarktbericht hatte jüngst Zweifel aufkommen lassen, die der Chef der US-Notenbank (Fed), Jerome Powell, bei seinen Anhörungen vor dem Kongress rasch zerstreute. Die US-Notenbank wird ihren Leitzins auf ihrer Sitzung am 31. Juli um vermutlich 0,25 % senken. Die sehr vorsichtigen Äußerungen von Powell zum wirtschaftlichen Umfeld und seine Zusicherung, dass die Fed „angemessen“ handeln werde, beseitigten die Ungewissheit, die die jüngsten, unerwartet guten Zahlen hatten aufkommen lassen. Da sich die US-Notenbank voll einbringt, sind die Märkte beruhigt. Sie entwickeln sich jedoch nach der starken Rally im ersten Halbjahr ohne großen Trend. Was also könnte das Pendel in die eine oder die andere Richtung ausschlagen lassen?

 

Zuallererst die Geldpolitik. Zwar ist eine Zinssenkung durch die Fed im Juli nahezu sicher, doch wie es weitergeht, ist weniger klar. Die Anleger rechnen weiterhin mit bis zu drei Zinssenkungen in diesem Jahr. Dies weicht stark vom Szenario der Zentralbank ab. Überdies nahm die Fed abgesehen von Phasen einer offenkundigen Rezession, von der die USA jedoch weit entfernt sind, noch nie drei Zinssenkungen binnen sechs Monaten vor. Den Erwartungen der Märkte droht somit eine neuerliche Anpassung, die einen Anstieg der Risikoaversion zur Folge hätte. In Europa hingegen könnte sich die Geldpolitik allerdings als positive Überraschung erweisen. Trotz ebenso deutlicher Äußerungen wie seitens der Fed sind die kommenden Schritte der Europäischen Zentralbank (Senkung des Einlagesatzes, Wiederaufnahme der Wertpapierkäufe und Abfederungsmaßnahmen für die Banken) nicht in gleichem Maße eingepreist. Ihre tatsächliche Umsetzung könnte die Märkte daher auf neue Rekordhochs treiben.

 

Dann die Unternehmensergebnisse. Mit dem Beginn der Berichtssaison für das 2. Quartal achten die Anleger sehr auf die von den Unternehmen gemeldeten Zahlen sowie die Tonlage der Äußerungen und die Höhe der Ziele. Einige Börsensegmente weisen hohe Bewertungen auf, insbesondere die defensiven Large Caps und die Mid-Cap-Wachstumswerte, und Enttäuschungen werden in diesen Segmenten einen hohen Preis fordern. Bei weiterhin verschlechterten makroökonomischen Daten könnte ein zu großer
Anteil an schlechten Ergebnissen das Vertrauen der Anleger derart beeinträchtigen, dass das Handlungsversprechen der Zentralbanken auf kurze Sicht nicht mehr zu ihrer Beruhigung ausreichen wird. Umgekehrt gäben positive Überraschungen in den zyklischsten
Segmenten der Börse, die seit Jahresbeginn am wenigsten zulegten, dem Aufwärtstrend neuen Schub.

 

Schließlich die Politik. Nach der Feuerpause im Handelsstreit zwischen China und den USA im Anschluss an den G20-Gipfel sind böse Überraschungen zu befürchten, da ein bilaterales, endgültiges Abkommen nach wie vor nicht greifbar scheint. Die USA reiten beim
Thema Handel nach wie vor wilde Attacken. Das US Handelsministerium bereitet als Reaktion auf die französische Digitalsteuer eine Untersuchung vor, während Donald Trump
die Zollpolitik Indiens ins Visier nimmt. Das Thema Brexit wird im Herbst erneut hochkochen, und die wahrscheinliche Ernennung von Boris Johnson zum Nachfolger von Theresa May nährt das Risiko eines ungeregelten Austritts. Auch im Nahen Osten steigen die
Spannungen insbesondere mit dem Iran weiter an. Teheran hat sein Atomprogramm wieder aufgenommen, und es gibt zunehmende Spannungen um Öltanker in der Straße von Hormus. Ein größerer Konflikt in der Region würde das Vertrauen an den Märkten ganz gewiss erschüttern.

 

Während die Sommerpause beginnt und die Zentralbanken weiterhin möglichst beruhigend auftreten, bestehen für die Anleger nach wie vor zahlreiche Themen, die es zu beobachten gilt!