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Makroökonomie

Terminverschiebungen

 

Von Olivier de Berranger, Chief Investment Officer und Enguerrand Artaz, Cross Asset Manager La Financière de L‘Echiquier.

 

Das seit Wochen wahrscheinlichste Szenario, die Verschiebung des Brexits, scheint nun ausgemachte Sache zu sein. In drei Abstimmungen kurz nacheinander verwarfen die britischen Abgeordneten nochmals das zwischen Theresa May und der Europäischen Union ausgehandelte Austrittsabkommen sowie die Option eines ungeregelten Brexits und stimmten schließlich für einen späteren Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU (und verwarfen zugleich die Option eines zweiten Referendums). Genauer gesagt beschlossen die Parlamentarier eine Verschiebung bis zum 30. Juni für den Fall der Billigung des Austrittsabkommens bis zum 20. März und eine weitere Verschiebung vermutlich bis Jahresende im Falle einer neuerlichen Ablehnung des Abkommens.

Natürlich müssen die 27 EU-Mitgliedstaaten diesen Antrag auf Verlängerung der Frist von Artikel 50 noch einstimmig annehmen. Die europäischen Amtsträger, die bei einer Ablehnung des britischen Antrags kaum etwas gewinnen können, äußerten sich jedoch wohlwollend zu diesem Szenario. Die Europäer werden bei einer deutlichen Verschiebung aber ganz gewiss Bedingungen stellen. Dies würde den Verhandlungsspielraum des Vereinigten Königreichs bei künftigen Gesprächen weiter einengen.

Auch der Termin für ein Handelsabkommen zwischen den USA und China wurde verschoben. Zwar gab sich der US-Handelsbeauftragte Robert Lighthizer Anfang letzter Woche mit der Einschätzung, dass „der Abschluss der Verhandlungen nur noch eine Frage von Wochen“ sei, eher optimistisch, doch Donald Trump und sein Finanzminister Steven Mnuchin zeigten sich weniger zuversichtlich. Sie bekräftigten zwar, dass die Verhandlungen gute Fortschritte machten, konnten jedoch kein Datum für ihren Abschluss nennen. Steven Mnuchin bestätigte zudem, dass es im März kein neues Treffen zwischen Donald Trump und Xi Jinping geben wird. Diese Verschiebung, im Gegensatz zu jener des Brexit-Termins, ist für die Anleger nicht sehr positiv, da sie die Ungewissheit befeuert. Dennoch berichtete die Presseagentur Neues China am Freitag, dass Steven Mnuchin und Robert Lighthizer in einem Telefonat mit Liu He, dem chinesischen Vize-Premierminister, „substanzielle Fortschritte“ erzielt hätten. Dies konnte die Märkte beruhigen.

Aktien profitierten von diesen Nachrichten und erzielten abermals ein deutliches Wochen-Plus. Allerdings waren die Konjunkturdaten insbesondere in den USA und China durchwachsen. In den USA lagen die Einzelhandelsumsätze und die Auftragszahlen für langlebige Wirtschaftsgüter im Januar über den Erwartungen, aber der Empire Manufacturing (ein Frühindikator für das Geschäftsklima in der Industrie im Staat New York), die Industrieproduktion und die Inflationszahlen enttäuschten. So viele Gründe, die in den Augen der Anleger für die Beibehaltung eines akkommodierenden Kurses durch die Fed sprechen. In China entsprachen die Monatsindikatoren für Februar den Erwartungen, die Industrieproduktion hinkte jedoch hinterher. Premierminister Li Keqiang beruhigte unterdessen die Anleger mit dem Versprechen umfangreicher wachstumsfördernder Maßnahmen.

Die besten Nachrichten kamen vermutlich aus Europa, wo insbesondere die Industrieproduktion die Erwartungen übertraf. Obwohl die Lage nach wie vor instabil ist, herrscht das Gefühl, dass das Reservoir an bösen Überraschungen auf dem alten Kontinent aufgebraucht ist und dass jede Verbesserung der Gesamtwirtschaft den Märkten neuen Schub verleihen könnte. Dies gilt umso mehr, wenn der Brexit auf das Jahresende verschoben wird.