Alexis Bienvenu

Die Welt danach

Während die Covid-19-Epidemie wütet und die Märkte nach unten wie nach oben Volatilitätsrekorde aufstellen, könnte es dem Seelenfrieden – und den persönlichen Finanzen – zuträglich sein, über kurzfristige Entwicklungen hinaus auf die Welt von morgen zu blicken. Natürlich mit aller Vorsicht (und Atemschutzmaske) und mit aller Bescheidenheit, denn Überraschungen sind häufiger als landläufig gedacht. Bisweilen ist der Horizont jedoch klarer zu erkennen als der Weg dorthin. Versuchen wir daher, einige Anhaltspunkte auszumachen.

Ein Merkmal der sich abzeichnenden neuen Welt besteht darin, dass die Staaten ihre Prioritäten stärker auf Resilienz ausrichten werden. Bisher standen häufig Wachstum oder die Sicherung der wirtschaftlichen und militärischen Macht in Vordergrund. Künftig könnte es in vielen Ländern zu einer Neuausrichtung auf das Bedürfnis kommen, die Versorgung mit unverzichtbaren Dienstleistungen und Gütern, die bisweilen vernachlässigt oder anderen Staaten anvertraut wurde, selbst zu gewährleisten. Zu diesen Dienstleistungen gehört auch die Gesundheitssicherheit. Wenn die Staaten ihre Daseinsberechtigung behalten möchten, müssen sie die Finanzierung ihrer Gesundheitssysteme um jeden Preis aufstocken. Sparer könnten sich dies zunutze machen. Denn Forschungslabore sowie generell die Pharmaindustrie und der gesamte medizinische Bereich einschließlich seiner Liegenschaften (Kliniken, Seniorenheime usw.) könnten von dieser Entwicklung profitieren.

In einer gegenüber der Globalisierung mittlerweile misstrauischen Welt könnte es zu den Prioritäten gehören, für den Fall einer Unterbrechung der weltweiten Lieferketten die Kontrolle über lebensnotwendige Strukturen zu haben: Energieversorgung, Grundnahrungsmittel, Transportnetze, Telekommunikation und Datenverarbeitung. Aus finanzieller Sicht können diese Trends in den Portfolios agiler Fondsmanager betont und sogar eigene Themenfonds aufgelegt werden.

Die Stärkung der Staaten für den Krisenfall erfolgt auch durch eine bessere Kontrolle ihrer Schulden und des Kapitals von staatlichen Unternehmen. Erste Anzeichen hierfür sind bereits zu erkennen. Mit ihren neuen, unbegrenzten Anleihenkaufprogrammen werden die Bank of Japan, die EZB oder auch die Fed zu großen Gläubigern ihrer eigenen Staaten (beziehungsweise im Falle des Euro ihres Währungsraums). Eines Tages könnten Zentralbanken wie z. B. die Bank of Japan im Zuge einer indirekten Verstaatlichung einen erheblichen Teil der Aktien der Unternehmen in ihrem Einflussbereich halten. Dies würde Sparer in gewissem Maße vor den Unwägbarkeiten externer finanzieller Bedingungen schützen. Der Preis hierfür dürften jedoch niedrige, weil im Interesse des sich verschuldenden Staates festgelegte Zinssätze oder geringere Aktienrenditen infolge künstlich niedriger Risikoaufschläge sein.

Die aktuelle Krise könnte eine Neuaufstellung der globalen Wirtschaftspolitik einläuten, und vielleicht erleben wir bald eine Rückkehr zu einem gewissen staatlichen Aktivismus und zu Regionalismus. Wer hätte das bis vor kurzem gedacht? Die neue Welt wird dank der Lehren aus dieser Krise vielleicht weniger anfällig sein. Sollte dies zutreffen, wäre das aktuelle Drama nicht völlig umsonst gewesen.